Warum tragen wir Markenkleider?

Samstag, 17. April 2010

 


Was hat es eigentlich mit der Marke auf dem T-Shirt auf sich?

 


Mode befriedigt eines unserer wichtigsten Bedürfnisse die Darstellung und die Repräsentanz.



Dazu gehört auch der Ausdruck und das Bekenntnis zu einer Gruppe dazu zugehören. Es gibt nichts einfacheres, als es direkt mit der Bekleidung am eigenen Körper zu tun.


Eine Möglichkeit sind rein formale Aspekte, das Stylen bestimmter Kleidungsstücke oder ein grosses Logo des Designers auf der Brust.


Das markieren von Waren ist nichts Neues und nichts Aussergewöhnliches, denn es ist die Unterschrift und das Garantiemerkmal des Herstellers.


Doch als sichtbarer Absender auf unserer Kleidung ist es ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Dabei ist es absurd, dass wir uns mit fremden Initialen schmücken um Individualität zum Ausdruck zu bringen.


Wie verwundert muss der ahnungslose Helmut Berger, Liebhaber des grossen Luciano Visconti, gewesen sein, als er darum bat, Reisegepäck mit dem Muster seiner Initialen zu erhalten und belehrt wurde, dass es sich keinesfalls um die Initialen seines Angebeteten handele, sondern um das Kürzel eines französischen Lederfabrikanten.


Und trotzdem kann sich keiner so richtig von der Aura der Marken befreien.


Hin und hergerissen, ob ich selbst dieser Faszination erliegen soll, kommt mir die Weisheit meiner Grossmutter in den Sinn, fremde Initialen und fremde Wappen gehören an den Rock der Lakaien. Somit gab es das in ihrer Welt nicht.


Ja die Grossmütter, die hatten es gut, sie mussten sich nicht einer Welt aussetzen, wo es ohne Labels eigentlich nicht geht. Wo alles markiert ist und wir uns in diesem Wirrwarr zurechtfinden müssen.


Mode spielt mit Codes. Mal auffälliger, mal lauter. Der Kenner unterscheidet sich in seinem Wissen darüber, was richtig oder falsch ist und um die Deutung dieser Zeichen.


Sicher hätte meine Grossmutter keinen Unterschied zwischen dem Logo eines Heizkesselherstellers am Hemdkragen eines Rennfahrers und dem Namen eines italienischen Designers auf dem T-Shirt der Verlobten eben dieses Sportlers gesehen. Doch wir wissen darum. Wer sich mit Mode beschäftigt, begibt sich in einen Diskurs der Merkmale und Individualität des jeweiligen Designers und seiner Marke.


Seinen Namen nicht zu markieren, als gestaltende Person unsichtbar zu werden, ist das Prinzip des belgischen Designers Martin Margiela. Hier sind die vier nach aussen sichtbaren weissen Fäden seines Labels keineswegs als Satire eines Markenkults zu verstehen, sondern die intellektuelle Frage auf das glitzernde Logo auf dem Busen eines Starlets. Die Antwort ist zurückhaltender Stil.


Mode, die das Design und die Verarbeitung des Produkts vor den lauten Auftritt stellt. Denn letztendlich ist das Ausdruck von Nachhaltigkeit und Qualität nach der wir uns alle sehnen. Wenn sie nun keine Lakaien haben, um ihre Label-Shirts aufzutragen, machen sie es selbst, wenn sie Lakaientätigkeiten ausführen.


Ich versichere Ihnen, schon bald ist das Shirt zerschlissen und dann nichts wie in den Zürisack damit. Oder doch zu den Reliquien einer glamourösen Vergangenheit? 


Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Warum tragen Männer Leggings?

Montag, 18. Januar 2010


So war es nicht gemeint, dass Männer die werten Damen nachäffen sollen, um sich an ihrem Stil ein Beispiel zu nehmen.


Denn ob Leggings ein Ausdruck von Stil ist oder eher eine Stilblüte sind, das sei dahingestellt, aber an Männerbeinen haben sie nichts zu suchen.


... Oder doch?


... Vielleicht gerade da?


Wie so häufig, kann ein Blick in die Vergangenheit einige Wunder zu Tage bringen:;


Unsere Idee, dass Männermode dezenter als die Damenmode sein soll ist eine rein bürgerliche Vorstellung.


Betrachten wir lediglich unsere Zeitrechnung, so blicken wir auf knapp 150 dezente Jahre in der Männermode, die hunderten von Jahren voller farbenfroher und exzentrischer Herrenbekleidung gegenüberstehen.


Eine Trennung von Herren- und Damenmoden gab es nicht. Differenziert wurde lediglich zwischen der Kleidung des Bürgertums und des Adels.


Dass auf Grund der physischen Eigenschaften des männlichen und des weiblichen Körpers Unterschiede gemacht wurden, versteht sich von selbst. Dabei trugen Frauen und Männer Beinkleider, die Damen als Rock und die Herren als Vorgänger unserer heutigen Hose. Diese waren jedoch alles andere als weit oder lang.


Die knappen voluminösen Pumphosen, die gerade bis zum halben Oberschenkel gingen und über weisse Strümpfe gestülpt wurden, ließen zwar die Beine wie extatische Hühnerschenkelchen erscheinen. Sie waren aber tatsächlich Ausdruck von Männlichkeit!


Im Vergleich zu den bunten engen Strumpfhosen der florentinischen Mode der Renaissance, die wir auf so prachtvollen Werken wie dem Zug der Hl. Drei Könige in der Kapelle des Palazzo Medici bewundern können, waren sie harmlos. Der florentinische Mann trug wirkliche Leggings.


Dass diese Form der Bekleidung aus der Herrenmode verschwand, lag nicht nur an einem Wandel unseres ästhetischen Empfindens und dem Bruch mit der adeligen Hofmode des 18. Jh., wo die Herren auch durch bestrumpfte stramme Waden glänzten, sondern auch am Fakt der reinen Bequemlichkeit.


Materialien und Verarbeitungstechniken, die unsere heutigen Leggings zu einem Wohlfühlobjekt machen, gab es schlicht und einfach nicht. Weit geschnittene Hosen für den arbeitenden Mann waren einfach bequemer und verwiesen auf Arbeit, sowie Tatkraft und sind somit Ausdruck seiner Tüchtigkeit und Männlichkeit.


Ob wir Männer nun in Leggings etwas hermachen, kann nur salomonisch bewertet werden. Schauen Sie sich einfach die Waden an, wenn Man(n) es tragen kann?



FOTO:
flickr / KnOiuKi


Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Warum gibt es eigentlich Schulterpolster?

Montag, 12. Oktober 2009

Heute gibt es in der Schönheitschirurgie viele Möglichkeiten seinen Körper zu perfektionieren. Doch einige wenige Körperregionen lassen bestimmte chirurgische Eingriffe nur unter erschwerten Bedingungen zu - die Schultern. Hier helfen uns nur Sport oder Mode.


Letztere lässt sich am besten an ihren Formen ablesen. Mal sind die Schultern schmal, breit, hochstehend, hängend, rund, oder eckig, alles Attribute, die uns aus den letzten beiden Jahrzehnten bekannt sind. Keine Frage die 80er Jahre haben uns exzessiv gezeigt, was im Schulterwachstum möglich ist. Die absolute Ikone hierfür ist und bleibt das Cover der Grace Jones LP, Nightclubbing. Das Bild ist grossartig - keine Frage, es hat eine ganze Modeepoche geprägt.


Das Bedürfnis nach breiten Schultern ist dennoch kein neues Phänomen der Modegeschichte und seit Anbeginn der Mode bekannt. Als Renaissancefürst besaß Heinrich VIII. von England breite Schultern und hatte diese sicher nötig, um seine sechs Ehen zu schultern. Dennoch heisst es nicht, dass Frauen nicht gepolstert waren.


Heinrichs Tochter, Elisabeth war bekannt für ihre grossen und wattierten Keulenärmel, die ihr ein mächtiges Aussehen verliehen. Darauf Rückschlüsse zu ziehen, ob sie mehr Mann oder Frau war, lasse ich dahin gestellt. Selbstredend sind und waren breite Schultern immer ein Männlichkeitssymbol, aber eigenartiger Weise wurden die Damenschulterm besonders im Hochbiedermeier, durch ein horizontales bis zu den Schultern reichendes Dekolleté und überdimensionale Puffärmel stark betont.


Doch genug der Biederkeit, denn jedes Polster ist und bleibt was es ist, eine Rüstung. Es wird dazu benutzt, um Volumen zu erzeugen, indem am Körper eine übernatürliche, neue Silhouette erzeugt wird. Sie steht für Schutz und Stärke. Trotz aller Rüstung und Abwehr, kommen Schulterpolster auf, wenn Selbstsicherheit gefragt ist. In den 80er Jahren waren sie Ausdruck eines positiven und selbstbewussten Lebensgefühls und schafften es sogar teilweise bis in die T-Shirts. Doch das ist an sich absurd. Das T-Shirt ist neben der Jeans eines der wenigen, selbstverständlichen Kleidungsstücke und brauch keinerlei Verstärkung.


Wir können wieder gespannt sein, wie weit es die Schulterpolster diesmal schaffen.

Leihen wir sie uns aus den 80er Jahren, dann ist es ein gutes Zeichen. Es würde heissen, ‚es geht wieder aufwärts' , egal wie, mit oder ohne Schutz.


 

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Gibt es eigentlich Modemuffel?

Montag, 17. August 2009


Jetzt, wo die neue Saison ins Haus steht oder vielmehr schon in allen virtuellen und reelen Geschäften auf neugierige Kunden wartet, ist die richtige Zeit, sich mit einer ganz besonderen Spezies zu befassen - dem Modemuffel.


Gleich vorweg sei gesagt: Es gibt sie eigentlich nicht.


Hier verhält es sich wie mit dem Atheisten, schon das Bezeugen eines Nichtglaubens ist Zeugnis genug.


Trotz allem, eine interessante Art diese Modemuffel. Provozieren sie doch gleich die Frage, ob man sich der Mode überhaupt entziehen kann.


Sicher, als Ordensmann oder Ordensfrau wäre das möglich, aber auch nur hier bedingt. Sich vor der Mode zu verflüchtigen geht in einer säkularen Welt nicht.


Jedes Kleidungsstück, welches heut zu Tage verkauft wird, ist von einer allgemeinen Modeströmung geprägt. Der Designer, der es entwirft, die Einkäufer die es auswählen, der Verkäufer, der es empfiehlt, alle sind Teil dieser Kette.


Andererseits beschreibt der Modemuffel den Typen, der sich nichts aus Modeströmungen macht und diesen nicht nacheifert. Doch sei er nicht zu verwechseln mit dem Stilmuffel, eine gerade unter Männern beliebte Art.


Wir würden dabei dem Modemuffel unrecht tun, ihn als stillos zu bezeichnen. Stillmuffeligkeit treibt ganz andere Blüten. Denken wir nur an kurzärmelige Hemden. Diese gehören definitiv in die Freizeit und sehen unter dem Veston einfach mager aus.


Der Modemuffel, kann durchaus Stil haben und darauf achten, dass seine Kleidung abgestimmt ist. Es heisst nicht, dass er Mottosocken trägt oder sich Mickey und Mini Mouse auf seinen Krawatten verlustieren müssen.


Muffeligkeit in Bezug auf Kleidung ist besonders in unseren Breiten eine eher männliche Eigenschaft. Irgendwie hat der kontinentaleuropäische Mann das Gefühl, seine Männlichkeit über Stillosigkeit zu definieren. Dabei waren oft gerade Männer prägende Stilikonen.


Denke man nur an Beau Brummel, den Urvater des Dandys. Sein Stil prägte unsere Vorstellung, wie stilbewusste Herrenbekleidung auszusehen habe und was guter Stil per se ist. Oder der deutsche Aussenminister Stresemann, der einem bequemen aber dennoch festlichen Anzug seinen Namen gab. Diese Typen sind ausgestorben.


Meine Damen, nun bitte nicht weinen, es liegt auch in Ihren Händen. Denn Männer sind Affen. Sie äffen alles nach. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und bald ist die Stillosigkeit ausgestorben.


Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Warum sammeln wir eigentlich (Schuhe)?

Montag, 29. Juni 2009

 


Nach langer Abwesenheit müsste die Frage heissen: „Verdammt, wo warst Du eigentlich?" Doch das tönt zu sehr nach dem Vorwurf einer Ehefrau, die ihren verspäteten Ehemann schilt. Meine Absenz will ich nicht entschuldigen, es sei nur so viel gesagt, dass ich in Zürich ankommen musste. Nun angekommen, kann ich mich wieder elementaren Fragen der Mode widmen.

Womit gleich angefangen sei. Es geht um das Sammeln. Nicht unbedingt etwas Modespezifisches (aber auch: Warum sammeln ALLE Frauen SCHUHE?), denn gesammelt wird vieles.


Es gibt Menschen, die sammeln Bierdeckel, Häuser, Kunst, Accessoires oder sogar ihre eigenen Artgenossen als Liebhaber. Katharina die Grosse ist mit ihren über zwanzig Amants ein leuchtendes Beispiel. Ihr sei jedoch gedankt. Denn so konnten sich einige aristokratische Familien im russischen Grossreich eines gewissen Wohlstands erfreuen. Wobei zu vermuten sei, dass sich nur eine Tasche oder ein Schuh als Sammelobjekt wohl fühlen.


Bleiben wir bei den Accessoires und anderen Modespezereien. Beim Sammeln von Mode oder Kunst geht es letztendlich um eine spezifische Faszination. Es ist die Kombination aus innerer Lustbefriedigung, Kick beim Erwerb und die Freude an ästhetischen Gegenständen.


Mir geht es nicht um die Moral oder den tiefenpsychologischen Grund für das Sammeln. Denn eines steht fest, Sammeln ist nicht pathologisch und damit sei sich begnügt. Interessant ist es, die verschiedenen Sammlertypen zu betrachten.

Da gibt es zum einen den Jäger. Er jagt nach allem, was modisch ist. Wechselnde Trends und neue Moden sind nur Gründe für neue Jagdausflüge. Schon früh geht er auf die Pirsch, um als Erster das entsprechende Fashionitem ergattert zu haben. Peinlichkeit und Scham sind Urinstinkte, die ihm absolut fehlen.


Bekannt ist er auch als Modeopfer. Wobei die Opferrolle von aussen attestiert wird, er sich selber eher als Geniesser wahrnehmen würde. Aber so ist es nun mal mit der Eigensicht. Das Sammeln geschieht bei diesem Typen nebenbei. Denn beim ständigen Wechsel der Modeaccessoires und Stile bleibt gar nicht mehr die Zeit, diese zu entsorgen. Zumal im Hinterkopf immer der Gedanke bleibt, jedes Teil könnte nochmals zum Einsatz kommen.


Beispiele für diese Spezies kennen wir alle. In einschlägigen Magazinen finden sich unter den Paris Hiltons dieses Universums genügend Personen, die dies verkörpern. Schon anders verhält es sich mit dem Archivar. Wie in einem Staatsarchiv ist der Kleiderschrank durchorganisiert. Alles ist an seinem Platz.


Mode wird konsumiert, katalogisiert, um als Archivalien zu enden. Zum richtigen Einsatz am Körper kann es gar nicht kommen. Der Archivar müsste sieben Leben haben und sich stündlich umziehen, um alle seine Objekte wenigstens ein Mal am Körper zu tragen. Ziel ist es, sortenrein zu besitzen.


Trauriges Beispiel für diesen Typ ist Imelda Marcos mit ihrer legendären Schuhsammlung. Traurig nicht ob der Menge, sondern der ungehemmten Scheusslichkeiten, die sich in ihrem Archiv befanden.


Der wohl eigenständigste Typ ist der Wunderkämmerer. Seine Sammlung ist eine reine Wunderkammer. Bekannt sind diese Räume aus der höfischen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts. Fürsten richteten sich diese Kammern ein, um allerhand Kuriositäten zusammenzutragen und schufen somit eine frühe Variante unserer heutigen Museen.


Wesentliches Merkmal dieser Wunderkammer ist die persönliche Auswahl der Gegenstände. Die als "La plus chic du monde" von Yves Saint Laurent bezeichnete Amerikanerin Nan Kemper schuf im Laufe ihres Lebens eine beachtliche Modewunderkammer und wurde damit zur grossen Förderin der Haute Couture.


Kempers Konvolut zeichnete sich stark durch ihren persönlichen Stil aus. Ihr nicht würdigen modischen Eskapaden hätte sie sich niemals hingegeben. Nur so wird die Modesammlung zum Ausdruck einer Persönlichkeit und zur Visitenkarte des eigenen Lebens. Bei allem gilt jedoch immer, lieber sammeln als gesammelt werden.

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Warum tragen Männer eigentlich keine hohen Absätze?

Montag, 02. Februar 2009

So ganz stimmt es ja nicht. Es gibt die hohe Absätze tragenden Männer, und hier ist nicht die Rede von Travestiekünstlern, sondern von Politikern.


Allerdings wird der Absatz von diesen Herren nicht mit Würde getragen, sondern verschämt, fast einer Prothese ähnlich. Als Hilfsmittel, um die fehlenden Zentimeter auszugleichen. Denn männliche Potenz - und hier meine ich Macht, meine Damen - geht von Alters her mit Grösse einher.


Aus dem hohen Absatz jedoch wird für die Herren ein Pferdefuss, denn nach unserem heutigen Empfinden ist er eine feminine Angelegenheit.


Das war er nicht immer. Ursprünglich entstand er während der Völkerwanderung parallel zur Entwicklung des Steigbügels. Seine Funktion bestand darin, den Reiter in den Bügeln zu halten und ihm zu helfen, sich im Kampf aufzurichten. Somit unterstützte der Absatz die männlich kriegerische Geste, liess ihn nicht wie einen schlappen Sack auf dem Pferd sitzen und verhinderte womöglich das Rutschen seiner Beine durch die Steigbügel. Mit dem Abstieg vom Pferd und der somit verbundenen Sesshaftigkeit blieb der Absatz Bestandteil des Männerstiefels.


Vom Orient breiteten sich Ende des 16. Jahrhunderts die Absätze am Frauenschuh nach Europa aus. Sie verhalfen den Frauen nicht nur zu längeren Beinen, sondern ebenso beim Gehen zu einer feminineren Bewegung. Dieses neue, weiblich zu nennende Körperbewusstsein entsprach dem Zeitgeist und der Mode.


Polinnen und Ungarinnen waren auf Grund ihrer Nähe zum Nahen Osten die ersten Europäerinnen, die auf Absätzen liefen. Ob daher der Ausspruch „die Beine der Polinnen würden bis zum Hals reichen" kommt, ist unverbürgt. Sicher ist, dass Männer das Fusskleid mit höheren Absätzen kopierten und somit die Schuhmode beider Geschlechter bis zur französischen Revolution fast identisch war.


Erst mit der Definition einer bürgerlichen Bekleidung besann sich der Mann grösserer Bodenhaftung. Denn schliesslich musste er im rauen Alltag seine Familie ernähren, was nur in bestimmten Berufen tänzelnd und auf hohen Schuhen besonders gut funktioniert.


So blieb der hohe Absatz ein absolut weibliches Attribut. Zahlen wie 10 oder 12, in Verbindung mit Schuhen, lassen Frauen ekstatisch reagieren, meiden die meisten Männer jedoch völlig. Aber seien wir mal ehrlich, einem Mann stehen 12 cm einfach nicht, oder?

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Was ist eigentlich ein Trend?

Freitag, 16. Januar 2009

Trends sind beobachtbar, jedoch nur schwer messbar. Mit Trends verhält es sich wie mit Gefühlen. Liegen diese blank, sind sie nicht aufzuhalten und der Damm bricht.


Ähnlich ist es mit den Trends, hat sich einer erst einmal durchgesetzt, kann man diesen nur schwer aufhalten. Und schon fällt uns eine Vielzahl von modischen Entgleisungen ein, die ich gar nicht erst anfangen will aufzuzählen.


Eigentlich beschreibt der Begriff Trend einen Scheitelpunkt einer modischen Welle. Nimmt man diese Definition genau, heisst es nichts anderes als das 'Ende einer modischen Welle'. Dabei stammt das Wort Trend vom altenglischen "trinde", der Bezeichnung für einen "runden Lumpenball". Dieser Ball ist Vorläufer unseres Fussballs. In der englischen Renaissance galt das Spielen mit diesem Ball, also das vor sich Hertreiben des Balles mit den Füssen, als ein beliebter höfischer Zeitvertreib. Davon leitete sich der Begriff des Treidelns ab, des Vorantreibens von Schiffen.


Nun genug der Nautik. Was uns dieser kleine linguistische Ausflug zeigt, ist die genaue Bedeutung des Begriffes Trend. Erst im 20. Jahrhundert tauchte dieser in der Soziologie auf und wurde aus dieser Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts von der Mode entlehnt. Diese Übernahme eines soziologischen Begriffs in die Mode zeigt uns, dass ein Trend ursprünglich die Verwebung zwischen einem gesellschaftlichen und einem modischen Aspekt beschreibt.


Von der Idee, es gäbe lediglich einen Trend, mussten wir uns bereits vor längerer Zeit verabschieden. Die komplexe Gesellschaft, unterschiedliche Strömungen und Entwicklungen beeinflussen auch weiterhin die Mode. So wird die Mode in unsicheren Zeiten konservativer, zugeknöpfter und weniger experimentierfreudig. Und verspricht damit Sicherheit und Gewohntes.


Trotz dieser Vielzahl an Strömungen können wir diese getrost Trend nennen. Gerade das ist das Faszinierende an der Mode und zeigt, dass es bei Mode um Lust geht. Denn wie könnten sonst im nächsten Sommer so gegensätzliche Trends wie "Bohemien" und "Clean Luxury", nebeneinander existieren.


Wir, die Konsumenten, treiben mit unserer Sehnsucht nach einem Look die Trends an und machen Mode erst damit zu einer runden Sache.

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Was trägt eigentlich das Christkind?

Samstag, 20. Dezember 2008

Nach der elementaren Frage der letzten Woche komme ich zu einer noch wichtigeren Frage, eine, die uns sicher schon sehr früh beschäftigt hat. Es handelt sich um das, salopp gesagt, Outfit des Christkinds.


An sich schon eine skurrile Angelegenheit, denn es geht ja hier nicht um den theologisch in Windeln gehüllten Säugling, bei dem die Windel als Bekleidungsstück zum Beweisstück der Menschlichkeit wird. Sondern es betrifft den/die Geschenke-Boten/-Botin.


Hier sehen wir schon die Komplexität des Themas. Mann oder Frau? Androgynes Wesen? Engel oder Mensch? Ich bleibe bei der Definition der Vorstellung aus den Kindertagen, dass es sich um ein altersloses, weibliches Wesen handelt. Dies liegt nicht an diversen pflegenden Elixieren, sondern an seiner Göttlichkeit, aber damit genug der Theologie.


Trotzdem ist es schwer, über seine Kleidung zu sprechen. Gesehen hatte man es nie. Jedes Jahr dasselbe Spiel. Immer einen Augenblick zu spät, nur der Goldstaub auf dem heimischen Teppich verriet etwas von seiner der Existenz. Also bleibt es in unserer Vorstellungskraft, was das Christkind, welches Martin Luther als Gegenentwurf zum katholischen Gabenträger Nikolaus erfand, trägt.


Die Nürnberger lassen das Christkind in einem goldenen, plissierten Gewand erscheinen, welches eher einer Alumanschette eines Eiskonfekts als einem Couture-Kleid, geschweige denn einem miyakeesken Objekt gleicht.


Das ist nicht sein Outfit.Für mich trägt es, seiner Aufgabe entsprechend, sinnvollerweise Spitze. Ein Textil, das einerseits Reinheit symbolisiert. Denke man an die gestärkten weissen Spitzenkrägen des „goldenen Jahrhunderts" der Niederlande, die das einzige zu reinigende Element der Kleidung waren. Und andererseits auf den Reichtum schliessen, da nur Wohlhabende diese anfertigen und reinigen lassen konnten. Darauf verweist auch der Einsatz von Spitze in der Gewandung des hohen Klerus.


Besonders prächtig als Brüsseler oder Malteser Spitze an den Säumen der Rochettes (Untergewänder) des Barocks und Rokkokos, die gleichzeitig an das Taufkleid erinnern sollen. Letztendlich ist Spitze in ihrer feinen Machart, gestickt oder geklöppelt, eine elegante und noble Variante der Windel, eine Fortführung des kindlichen Mulls.


Somit ist das Spitze tragende Christkind nicht nur für diesen Winter top modisch, sondern auch perfekt symbolhaft gekleidet. Wäre diese dann auch noch aus Gold, hiesse es einfach nur „das Christkind trägt Prada".


In diesem Sinne, verzichten Sie auf die Anti-Aging Crème und entscheiden Sie sich für Spitze statt Mull unter dem Christbaum - Frohe Weihnachten.

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Was ist eigentlich Mode?

Montag, 15. Dezember 2008


Die Gretchenfrage schlechthin. "Warum ziehen wir uns an", beantworten die Sachverständigen lapidar mit der Aussage, "damit wir nicht erfrieren". Doch das ist nicht des Pudels Kern und damit genug der Anspielungen.


Mode gab es und gab es nicht vom Beginn der Kultur an. Im Vordergrund steht immer die Sehnsucht des Menschen, sich attraktiver zu fühlen und sich im wahrsten Sinne des Wortes gegenseitig anzuziehen. Zum ausziehen komme ich dann ein anderes Mal.


Mode hat viel mit Kultur an sich zu tun, denn über Kleidung lässt sich am leichtesten eine Zugehörigkeit erreichen und nach unserem Verständnis auch Zivilisation ausdrücken. Unser heutige Begriff von Mode als ein schnelllebiges Metier und die Bezeichnung von Kleiderstilen einer bestimmten Art wurde im Deutschen erst im 17. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen. Dort, wie soll es auch anders sein, existierte der Begriff bereits zweihundert Jahre früher.


Bestes Beispiel ist hierfür die burgundische Hofmode. Frauen mit feenhaften, spitzen Hüten und Männer, die mit ihren farbigen Strumpfhosen und Proportionen aussahen wie Vogel Strauss auf LSD - die ersten Modeerscheinungen des Mittelalters. John Galliano oder Vivienne Westwood erblassen daneben. Man stelle sich vor, dass im Mittelalter nicht jeder anziehen durfte, wonach er Lust hatte. Denn Kleiderordnungen der einzelnen Stände reglementierten, welche Formen, Muster und Farben von wem wie getragen werden durften. In der höfischen Gesellschaft herrschte die grösste Freiheit.


Daraus bildete sich dann aus reiner Lust und Sehnsucht nach Individualisierung unsere heutige Vorstellung von Mode. Demnach beschreibt Mode zwar allgemeine Strömungen und Verhaltensmuster, ist aber - und so fair sollte man bleiben - eine wirklich individuelle Geschichte, die wir selber Tag für Tag neu definieren. In diesem Sinne greifen Sie in den Schrank und geniessen Sie Ihren Trip.


 

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode

Warum eigentlich Lila?

Freitag, 05. Dezember 2008

Irgendwie scheint den Mode-Winter eine lila Welle ergriffen zu haben. Mag das an den diversen Krisen liegen? Denn steht diese Farbe nicht für Busse und Trauer? Jedenfalls für die diejenigen, die noch etwas mit Begriffen wie Advent und Fastenzeit anfangen können oder den dummen Spruch des ‚letzten Versuchs' kennen. Lila, eine Farbe der absoluten Unsicherheit? Weiss man, dass Designer ihre Kollektionen ein Jahr im Voraus planen, bestätigt es meine These, Modemacher seien die besseren Analysten, aber das ist ein anderes Thema. Zurück zum Lila, welches eigentlich korrekterweise Violett oder Purpur ist. Eine Farbe, die historisch gesehen zu den Farben der Macht gehört, was nicht daran liegt, dass es die Farbe der emanzipierten Frauen, sondern ein Farbton des Purpurspektrums ist.


 


Purpur ist von alters her eine mächtige Farbe, bereits im alten Rom nur dem Imperator vorbehalten. Dies liegt an der Natur der Sache, da die Gewinnung von Purpur äusserst kostspielig ist. Und bis heute zählt echtes Purpur zu den teuersten Pigmenten. Kleopatra betäubte Cäsar förmlich mit ihrem überbordenden Purpur an Wänden, Möbeln und sogar den Segeln ihrer Flotte. Sicher war der Teppich, in dem sie sich sushihaft zu Cäsar bringen liess, auch in dieser Farbe.


 


Beim Violett verhält es sich etwas anders, hier ist das Veilchen Patin und Namensgeberin. Als Blume steht es zwar für Liebe, aber eher die keusche und demütige Form, mehr Santa Maria als Kleopatra. Nun liegt es an uns, ob wir uns nach violetter oder purpurner Zeit sehnen. In diesem Sinne lassen Sie sich vom Nikolaus, der als Bischof im episkopalen Lila daher kommt, reichlich beschenken und alles wird Purpur.

Sebastian Fischenich

Sebastian Fischenich

Der Creative Director bei Bel Epok Zürich/Köln sowie Gast-Professor an der Universtität der Künste Berlin wirft wöchentlich einen theoretischen Blick auf die Mode


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